Schreibregeln: Dialog

Letztes Mal hatten wir unseren Dialog aus seiner Ursprungsform weiterentwickelt zu:

Hey!“ Er schob sich durch die Menge auf Lux zu und klopfte ihm auf die Schulter.

Tag auch.“ Sein Freund grinste ihn an, das typische Lux-Grinsen mit den schiefen Schneidezähnen. „Kommst du heute zu Melina?“

Ian blickte auf seine Schuhe hinunter. „Weiß ich noch nicht so genau.“

Wenn du nicht kommst, wird das extrem langweilig.“

Mel findet bestimmt einen Weg, dich abzulenken.“

Lux errötete. „Jetzt fängst du auch schon damit an! Wir sind nicht zusammen, okay?“

Aber ganz sicher nicht“, sagte Ian mit einem Grinsen.

Das ist die Wahrheit!“

Ist schon klar, Bro.“ Ian legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Jetzt komm mal wieder runter.“

Was wir zusätzlich noch machen können, um den Dialog lebendiger zu gestalten, ist, die Gedanken und Gefühle eines Charakters mit einzubringen. Wir werden uns mit dem Thema Perspektive später noch einmal genauer beschäftigen. Deshalb sehen wir uns den Dialog jetzt nur einmal aus Ians Sicht und einmal aus Lux‘ Sicht an.

Jeweils abhängig von der Perspektive könnten die Dialoge dann so aussehen:

Ian

Hey!“ Er schob sich durch die Menge auf Lux zu und klopfte ihm auf die Schulter.

Tag auch.“ Sein Freund grinste ihn an, das typische Lux-Grinsen mit den schiefen Schneidezähnen. „Kommst du heute zu Melina?“

Ian blickte auf seine Schuhe hinunter. Mel. Er wollte nicht den ganzen Abend dabei zusehen, wie Lux und sie sich gegenseitig abschleckten, aber er hatte keine Entschuldigung parat, um nicht aufzukreuzen.„Weiß ich noch nicht so genau.“

Wenn du nicht kommst, wird das extrem langweilig.“

Ian schluckte seine Verbitterung hinunter. „Mel findet bestimmt einen Weg, dich abzulenken.“

Lux errötete kaum merklich. „Jetzt fängst du auch schon damit an! Wir sind nicht zusammen, okay?“

Aber ganz sicher nicht.“

Das ist die Wahrheit!“Er klang so, als meinte er tatsächlich das, was er sagte, doch Ian wusste aus sicherer Quelle, dass die beiden zusammen hinter der Schule beim Knutschen erwischt worden waren… soweit man bei den schulprominenten Lästerschwestern von sicheren Quellen sprechen konnte.

Ist schon klar, Bro.“ Ian legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Jetzt komm mal wieder runter.“

Lux

Hey!“ Er bemerkte Ian erst, als er direkt vor ihm stand und ihm auf die Schulter patschte.

Tag auch.“ Er zwang sich zu einem Grinsen. „Kommst du heute zu Melina?“

Ian wandte den Blick ab, seine verblüffend blauen Augen plötzlich nicht mehr so hell strahlend wie zuvor. „Weiß ich noch nicht so genau.“

Wenn er nicht kam, würde Lux auch nicht hingehen. Es machte keinen Spaß, wenn Ian nicht dabei war. „Wenn du nicht kommst, wird das extrem langweilig.“

Mel findet bestimmt einen Weg, dich abzulenken.“

Lux stöhnte innerlich. Waren diese Gerüchte sogar schon bis zu Ian vorgedrungen? „Jetzt fängst du auch schon damit an! Wir sind nicht zusammen, okay?“

Aber ganz sicher nicht.“

Das ist die Wahrheit!“ Die Worte kamen heftiger heraus, als er beabsichtigt hatte, und Lux‘ Lippen brannten von seinem Zorn.

Ist schon klar, Bro. Jetzt komm mal wieder runter.“ Ian legte ihm eine Hand auf die Schulter, und die Berührung ließ Lux‘ Haut auf eine merkwürdige Art und Weise kribbeln.

Und damit kann der Dialog erst einmal so stehen bleiben. Natürlich fehlt immer noch ein wenig Feinschliff, die besondere Art des Sprechens der jeweiligen Charaktere etc., aber das sind Sachen, mit denen wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschäftigen müssen.😀

Schreibregeln: Dialog

Da sind wir also wieder, um uns mit dem Geheimnis des Dialoges auseinanderzusetzen.

Letztes Mal waren wir so weit, dass wir diesen Dialog etabliert hatten, den wir auch weiterhin benutzen werden:

Hey!“

Tag auch. Kommst du heute zu Melina?“

Weiß ich noch nicht so genau.“

Wenn du nicht kommst, wird das extrem langweilig.“

Mel findet bestimmt einen Weg, dich abzulenken.“

Jetzt fängst du auch schon damit an! Wir sind nicht zusammen, okay?“

Aber ganz sicher nicht.“

Das ist die Wahrheit!“

Ist schon klar, Bro. Jetzt komm mal wieder runter.“

Erst einmal: ja, dieser Dialog ist ohne Kontext ziemlich sinnlos. Deswegen werden wir uns einen kurzen Hintergrund dazu vorstellen: wir befinden uns im Genre Romanze/Erotik. Person A heißt Ian und steht heimlich auf die angesprochene Melina, traut sich aber nicht, diese um ein Date zu bitten. Ian denkt, dass sein Freund mit Mel zusammen ist. Dieser Freund, also Person B heißt Lux und ist tatsächlich nicht mit angesprochener Melina zusammen, sondern ebenso heimlich in Ian verliebt, traut sich aber nicht, Ian zu sagen, dass er schwul ist.

Also… wo waren wir?

Wir haben einen Dialog, und wir haben Hintergrundwissen, das wir irgendwie dort einbauen können. Das, was dem Dialog jetzt vor allem noch fehlt, ist eine Rahmenhandlung. Es muss klar gemacht werden, wer was sagt, in welchem Tonfall, und möglicherweise auch noch, was er dabei empfindet.

Eine Möglichkeit ist es, sogenannte speech tags zu verwenden. Ein speech tag ist zum Beispiel das hier: „Hey“, sagte Ian.

Machen wir das also mal mit dem Dialog.

Hey!“, rief Ian seinem Freund entgegen.

Tag auch. Kommst du heute zu Melina?“, wollte Lux wissen.

Weiß ich noch nicht so genau“, entgegnete Ian nervös.

Wenn du nicht kommst, wird das extrem langweilig“, bettelte Lux.

Mel findet bestimmt einen Weg, dich abzulenken“, grinste Ian.

Jetzt fängst du auch schon damit an! Wir sind nicht zusammen, okay?“, sagte Lux hastig.

Aber ganz sicher nicht“, spöttelte Ian.

Das ist die Wahrheit!“, schrie Lux genervt.

Ist schon klar, Bro. Jetzt komm mal wieder runter“, versuchte Ian, seinen Freund zu beruhigen.

Bevor jetzt irgendjemand aufspringt und versucht, diese Technik nachzumachen: Nicht.

Das ist nämlich nicht der Weg, wie man es in moderner Literatur machen sollte, zumindest wenn man einem Großteil der gegenwärtigen Autorenlobby Glauben schenkt.

Ein sehr schlechtes und prominentes Beispiel ist das folgende aus Harry Potter:

Harry!“, Ron ejaculated.

Tut mit eurem Dialog und den speech tags, was ihr für richtig haltet, aber lasst es bitte nicht so weit kommen.

Speech tags sind dazu da, den Dialog einzurahmen, nicht von ihm abzulenken. Außerdem gilt hier wieder die Regel des show don’t tell. Ich muss nicht sagen, dass Lux genervt ist, wenn er laut rum schreit, dass er nicht mit Mel zusammen ist und vorher bemerkt hat, dass Ian jetzt auch schon damit anfängt, diesen Gerüchten zu glauben. Auch sollte es jedem klar sein, dass Ian in der Zeile darüber spöttelt.

Ein Dialog wie der obige hat in einem modernen Roman deshalb nichts verloren. Stattdessen wählt man eine elegantere, schlichtere Methode.

Als speech tags benutzt man hauptsächlich Verben wie sagen oder fragen. Weder all zu ausgefallene Verben benutzen noch normale mit Adverben koppeln, wenn es sich vermeiden lässt.

Hinzu kommen sogenannte beats. Das sind kleine Handlungen, die während des Dialoges erfolgen, und die die Gefühle der Charaktere zum Ausdruck bringen – eine subtile Form des show don’t tell.

Hey!“ Er schob sich durch die Menge auf Lux zu und klopfte ihm auf die Schulter.

Tag auch.“ Sein Freund grinste ihn an, das typische Lux-Grinsen mit den schiefen Schneidezähnen. „Kommst du heute zu Melina?“

Ian blickte auf seine Schuhe hinunter. „Weiß ich noch nicht so genau.“

Wenn du nicht kommst, wird das extrem langweilig.“

Mel findet bestimmt einen Weg, dich abzulenken.“

Lux errötete. „Jetzt fängst du auch schon damit an! Wir sind nicht zusammen, okay?“

Aber ganz sicher nicht“, sagte Ian mit einem Grinsen.

Das ist die Wahrheit!“

Ist schon klar, Bro.“ Ian legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Jetzt komm mal wieder runter.“

Dies ist noch nicht die endgültige Fassung des Dialoges – wie man ihn noch lebendiger gestalten kann, damit beschäftigen wir uns im nächsten Post.

MittwochsPrompt #12

Lass einen Dialog zwischen zwei Personen stattfinden, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – wer diese Personen sind, das ist dir überlassen; genau so auch, wo sie sich treffen und über was sie reden.

Hier für die Uninspirierten ein Beispiel, mit dem ihr arbeiten könnt.😀

Ein Banker und ein Obdachloser treffen sich an einer Bushaltestelle. Der Banker muss Bus fahren, weil ihm sein Führerschein weggenommen wurde, der Bus ist gleich mal zu spät und er natürlich mit den Nerven am Ende. Der Obdachlose fragt die an der Bushaltestelle Sitzenden, ob jemand ein wenig Kleingeld übrig hat.

Überlege, wie beide Personen reden würden, und wie man ihre Charaktere und ihre Emotionen in der gegenwärtigen Situation gut zum Ausdruck bringen kann! Wie die Szene ausgeht, bleibt dir überlassen.

Schreibregeln: Dialog

Dialog. Die eine Sache, mit der man jeden Schreibwütigen in die Hölle jagen kann.

Warum? Erst einmal herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, dass Dialog verdammt schwer zu schreiben ist. Einerseits muss er vollkommen natürlich klingen, andererseits ist er eben gerade nicht natürlich.

Heute beschäftigen wir uns daher erst einmal nur mit diesem spezifischen Aspekt: wie müssen die Worte klingen. Wie man einen Dialog am besten einrahmt, sehen wir uns nächstes Mal an.

Wenn man einen Dialog aufschreiben würde, wie man ihn häufig in der Bahn oder an anderen öffentlichen Plätzen hört, käme ungefähr so etwas heraus:

Hey Bro!“

Yo, Alter!“

Was geht?“

War gerade mit Mike in der Stadt und hab Annie gesehen. Sau geile Titten die Alte!“

Bro, das haste mir schon so circa zig tausend Mal erzählt!“

Aber halt sau geile Titten!“

Joa…“

Kommste heute zu Melina?“

Ähm… kein Plan?“

Komma. Is sonst voll langweilig““

Mel lenkt dich bestimmt ab.“

Boah, wir sind nichmals zusamm!“

Hm….“

Fuck, is echt so!“

Klar, Bro! Reg dich ab! “

Das will niemand lesen. Das ist ja vielleicht über ein oder zwei Seiten mal ganz unterhaltsam, auf Dauer aber viel zu anstrengend. Als Beispiel dazu fällt mir spontan das Buch „Wunder“ ein, in dem es einen Abschnitt gab, wo nur in kleinen Buchstaben geschrieben wurde.

Sinn des Ganzen war, dass der Erzähler dieses Abschnittes ein Musiker und halb im Internet-Lebender ist, zu dem es vom Charakter her einfach sehr gut gepasst hat, einen ähnlichen Schreibstil wie in Blog/Youtube-Kommentaren oder bei Whatsapp-Nachrichten zu entwickeln.

Das war interessant und hat seinen Charakter auch sehr gut vermittelt. Allerdings hätte ich das länger als diesen kurzen Abschnitt nicht ausgehalten. Ein ganzes Buch in dem Stil zu lesen wird jede normale Person über kurz oder lang in den Wahnsinn treiben.

Ein Dialog soll also echt klingen, aber er soll nicht enthalten:

~ zu viel Umgangssprache oder einen starken Dialekt. Das kann man bei ein oder zwei Charakteren bringen, zu denen es passt, aber nicht bei allen

~ keine Hms, Ähms oder sonstige Platzhalter

~ zu viel Fäkalsprache. Wirklich. Erstens einmal schlage ich ein Buch nicht auf, um mich von ihm dauerhaft beschimpfen zu lassen. Zweitens sind Flüche eine starke Ausdrucksmöglichkeit für Emotionen. Wenn jemand sonst nie flucht, es dann aber tut, muss er ziemlich wütend sein und neben sich stehen. Wenn er aber immer flucht, fällt mir diese Veränderung seiner Emotionen überhaupt nicht auf. Und drittens: leider gibt es einige Leute, die ein bemerkenswertes Talent dafür haben, merkwürdige Schimpfwörter zu wählen. Egal wie ernst diese natürlich vollkommen Mary Sue-freie Twilight-Fanfiction gerade ist, sobald Vampire beginnen, mit lächerlichen Schimpfwörtern um sich zu werfen, sodass der Leser prustend über der Tastatur liegt, ist etwas schief gelaufen.

~ zu viele Ausrufezeichen, Fragezeichen und drei Punkte. Es gibt Leute, die so reden, und vereinzelt kann man auch mal einen Charakter so reden lassen, aber durchgehend sollte man es auf keinen Fall machen.

~ unnötige Informationen (oder auch Begrüßungen), die der Leser entweder bereits kennt, oder die für ihn absolut irrelevant sind. Dies kann in Einzelfällen vorkommen, aber nicht dauerhaft.

Dann schauen wir uns jetzt mal das Gegenbeispiel an… sozusagen die ganz andere Seite der Skala.

Guten Tag, Ian Woon.“

Guten Tag, Exposi Tión.“

Ich wollte erfragen, ob du heute die Feier bei Melina frequentieren wirst.“

Das weiß ich ebenfalls noch nicht. Das hängt von meinen Verpflichtungen heute Nachmittag ab.“

Ich würde dich bitten, zu kommen. Ansonsten könnte mir ein wenig langweilig werden, wenn ich nicht in deiner bezaubernden Gesellschaft bin.“

Ich bin mir sicher, dass Melina dich zur Genüge ablenken wird.“

Ich würde ich gerne informieren, dass ich keinerlei mehr-als-freundschaftliche Verbindung zu ihr habe.“

Das soll ich dir jetzt einfach mal so glauben?“

Ich sage die Wahrheit!“

Schon gut, schon gut. Komm mal wieder herunter.“

Geht auf die Straße und versucht, so mit jemandem zu sprechen. Die Person wird entweder die Polizei rufen oder euch selber mal kräftig ins Gesicht hauen, um euch wieder zur Vernunft zu bringen.

Ein Dialog soll also angenehm zu lesen sein, aber er soll nicht enthalten:

~ zu viel formale Sprache. Selbst wenn man mit dem Boss oder ähnlichen (höhergestellten) Personen redet, gibt es eine gewisse Grenze, wie formal man sich ausdrücken sollte. Das kann gegenüber einzelnen Charakteren der Fall sein, ist aber nicht der Normalzustand.

~ lange Sätze. So schreiben die Menschen zwar, aber sie sprechen nicht so. Wenn man jemand anderem etwas mitteilt, erfolgt das in deutlich kürzeren Sätzen mit wenigeren Einschüben, als wenn man es ihm schreibt.

Bilden wir also jetzt die Fusion aus beiden Extremen… und erhalten das.

(Bitte hierbei beachten, dass der Dialog von seinem Setting und den Charakteren her eher in die Umgangssprachennische gehört als ins andere Extrem!)

Hey!“

Tag auch. Kommst du heute zu Melina?“

Weiß ich noch nicht so genau.“

Wenn du nicht kommst, wird das extrem langweilig.“

Mel findet bestimmt einen Weg, dich abzulenken.“

Jetzt fängst du auch schon damit an! Wir sind nicht zusammen, okay?“

Aber ganz sicher nicht.“

Das ist die Wahrheit!“

Ist schon klar, Bro. Jetzt komm mal wieder runter.“

Dann packt man jetzt also diesen letzten Dialog an, liest ihn sich ein paar Mal durch und stellt fest: er klingt immer noch nicht.

Woran liegt das jetzt also schon wieder?

Das liegt daran, dass ein Dialog eben nicht nur aus den gesprochenen Wörtern besteht, sondern auch aus dem, was um ihn herum noch so passiert.

Wir sind daran gewöhnt, dass Dialog nicht einfach so als riesiger Block in einem Buch auftaucht, sondern von sogenannten Speech Tags begleitet wird. Diese Speech Tags bringen Action in den Dialog und machen das Gespräch lebendig.

Wie diese Dinger funktionieren, schauen wir uns aber erst nächstes Mal an.

Schreibregeln: Show don’t tell

Genau wie es bestimmte Plot-Baukästen gibt, die in der Welt des Schreibens allgemein herum gereicht und für gut befunden werden, gibt es natürlich auch andere Regeln fürs Schreiben.

Eine davon ist das „Show don’t tell“, das einem jedes Mal um die Ohren geschlagen wird, wenn man auch nur den Mund aufmacht.

Was heißt Show don’t tell?

Im Grunde geht es um Folgendes: Ich muss in einem Text Informationen herüber bringen. Ich kann das auf zwei Arten machen: ich kann sie „tellen“, also einfach vortragen, als würde ich einen medizinsichen Bericht verfassen. Oder ich kann sie „showen“, also eine Szene intensiv beschrieben und den Leser seine eigenen Schlüsse ziehen lassen.

Zum Vergleich wollen wir eine kurze Szene erst im tell und dann im show betrachten:

Die neuen Nachbarn kamen herüber, während Kristin die Umzugkartons auspackte. Sie erzählten ihr, dass sie Mr. und Mrs. Falcon hießen. Sie blieben nicht lange, aber Kristin war sofort klar, dass ihre Beziehung keine sonderlich gute war.

versus…

Es klingelte an der Tür, als Kristin gerade damit beschäftigt war, die ägyptische Vase auf den Kaminsims zu stellen. Sie fuhr herum, hätte um ein Haar die Vase fallen lassen, fing sich gerade noch rechtzeitig wieder, stellte das Ding ab und raste zur Tür.

Guten Tag!“, sagte die Frau, die davor stand. Es war eine elegante Frau, die Art von groß und schlank, die Kristin nie erreichen würde. Sie reichte ihr ihre Hand.

Sandra Falcon. Und dies ist mein Mann Arthur.“

Er war deutlich kleiner als seine Frau. Im Gegensatz zu ihr lächelte er, als er Kristin die Hand schüttelte.

Schön, Sie kennenzulernen.“ Sandra Falcon klang ungefähr so erfreut, als wäre sie auf der Beerdigung ihrer Lieblingstante. „Sie sind neu hier eingezogen, ja?“

Nein, sie ist nur die spezielle Untersuchungsbeauftrage der NSA, die die Nachbarschaft überprüfen soll, bevor unsere neue Nachbarin hier einzieht!“

Sandras Mund, der vorher schon ein schmaler Strich gewesen war, schaffte es irgendwie, noch schmaler zu werden. Sie drehte sich zu Arthur um, der unter ihrem Zorn sprühenden Blick sichtlich zusammen schrumpfte.

Mach nicht immer solche Witze“, zischte sie. „Niemand findet sie lustig.“

Ich fand ihn gar nicht so schlecht“, bemerkte Kristin an Sandras Rücken gerichtet, denn ihr tat der arme Arthur leid.

Nun denn.“ Sandra drehte sich steif wieder um. „Wir hoffen, Sie leben sich schön hier ein. Wir müssen jetzt wieder gehen.“

Wollen Sie nicht noch herein kommen?“, fragte Kristin eher aus Pflichtbewusstsein als weil sie es wirklich wollte.

Nein, wir müssen jetzt wieder los. Dringende Termine.“

Eigentlich“, begann Arthur und trat einen Schritt auf die Haustür zu, doch Sandra zog ihn zurück.

Vielleicht ein anderes Mal“, bemerkte er, zuckte hilflos mit den Schultern und ließ sich von seiner Frau aus Kristins Vorgarten zerren. Kristin stand noch einige Momente an ihrer Haustür und starrte den beiden perplex nach, dann schüttelte sie den Kopf und rammte die Tür ins Schloss.

Es ist klar zu sehen, dass der zweite Text nicht nur um einiges länger ist, sondern auch sehr viel besser dafür geeignet ist, eindrücklich eine Szene zu beschreiben. Der Autor erzählt uns hier nicht nur, dass die Ehe der Falcons wohl keinen guten Ausgang nehmen wird, er zeigt es uns und lässt uns danach unsere eigenen Schlüsse ziehen. Wir lernen die Charaktere kennen und, was an ihnen besonders ist. So bleiben sie und besser im Kopf.

Das ist also die grobe Unterscheidung zwischen show und tell. Aber auch in der zweiten Version dieses Textes gibt es noch Stellen, die getellt sind, und das ist der Punkt, wo es ein wenig kompliziert wird.

Jedes Mal, wenn ich als Autor ein Gefühl beim Namen nenne, eine Handlung kommentiere oder in irgendeiner Weise etwas zusammenfasse und bewerte, telle ich. Die obige Passage ohne jedes tell wäre also ungefähr:

Es klingelte an der Tür, als Kristin gerade damit beschäftigt war, die ägyptische Vase auf den Kaminsims zu stellen. Sie fuhr herum, hätte um ein Haar die Vase fallen lassen, fing sich gerade noch rechtzeitig wieder, stellte das Ding ab und raste zur Tür.

Guten Tag!“, sagte die Frau, die davor stand. Es war eine große und schlanke Frau, die Art von groß und schlank, die Kristin nie erreichen würde. Sie reichte ihr ihre Hand.

Sandra Falcon. Und dies ist mein Mann Arthur.“

Er war deutlich kleiner als seine Frau. Im Gegensatz zu ihr lächelte er, als er Kristin die Hand schüttelte.

Schön, Sie kennenzulernen.“ Sandra Falcon klang ungefähr so erfreut, als wäre sie auf der Beerdigung ihrer Lieblingstante. „Sie sind neu hier eingezogen, ja?“

Nein, sie ist nur die spezielle Untersuchungsbeauftrage der NSA, die die Nachbarschaft überprüfen soll, bevor unsere neue Nachbarin hier einzieht!“

Sandras Mund, der vorher schon ein schmaler Strich gewesen war, schaffte es irgendwie, noch schmaler zu werden. Sie drehte sich zu Arthur um, der unter ihrem Blick sichtlich zusammen schrumpfte.

Mach nicht immer solche Witze. Niemand findet sie lustig.“

Kristin räusperte sich. „Ich fand ihn gar nicht so schlecht.“

Nun denn.“ Sandra drehte sich wieder um, ihr Rücken so gerade, als hätte sie einen Stock geschluckt. „Wir hoffen, Sie leben sich schön hier ein. Wir müssen jetzt wieder gehen.“

Wollen Sie nicht noch herein kommen?“ Nicht, dass Kristin daran wirklich Interesse gehabt hätte.

Nein, wir müssen jetzt wieder los. Dringende Termine.“

Eigentlich“, begann Arthur und trat einen Schritt auf die Haustür zu, doch Sandra zog ihn zurück.

Vielleicht ein anderes Mal“, bemerkte er, zuckte mit den Schultern und ließ sich von seiner Frau aus Kristins Vorgarten zerren. Kristin stand noch einige Momente an ihrer Haustür und starrte den beiden nach, dann schüttelte sie den Kopf und rammte die Tür ins Schloss.

Und hier fängt jetzt die große Diskussion unter Autoren an. Einige, wie zum Beispiel auch Browne und King sind der Meinung, dass jegliche Form von tell auf den Mond geschossen werden sollte (oder noch besser gleich auf den Pluto – das ist ein wenig weiter weg). Andererseits gibt es Leute, die argumentieren, dass nicht alle Adverbien oder auch sonstige Formen von tell schlecht sind.

Deshalb kann man sowohl die 2. als auch die 3. Version dieses Textes präferieren. Die erste Version sollte man jedoch nur benutzen, wenn es sich um eine sehr unwichtige Szene handelt, die man Zeit raffend erzählen möchte.